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Zukunft der Pflege: Wo stehen wir und wie können wir die Herausforderungen der Zukunft meistern?

Mittwoch, 18 Januar, 2023 - 13:18

Univ.-Prof. Mag. Dr. Hanna Mayer und Ana Valente dos Santos Cartaxo, MSc, beide vom Fachbereich Pflegewissenschaft mit Schwerpunkt Person-Centred Care Research, liefern in der MISSCARE Austria Studie gemeinsam mit Prof. Dr. Inge Eberl von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt eine Datengrundlage zur Ist-Situation der akuten Pflegeversorgung auf Allgemeinstationen in Österreich. Auf dieser Basis können Interventionen für eine erfolgreiche Pflegeversorgung in der Zukunft in Österreich besser geplant werden.

Ziel war es, das Ausmaß und Typ von „missed nursing care“ an konservativen und operativen Allgemeinstationen österreichischer Krankenhäuser zu erheben. „Missed nursing care“ bezeichnet das Weglassen oder das zu spät Durchführen von notwendigen Pflegetätigkeiten.
Mit dem Revised MISSCARE-Austria Fragebogen wurden online Daten von ca. 1000 befragten Pflegepersonen
  • zu Krankenhaus- und Stationscharakteristika wie z.B. Krankenhausgröße, -typ (privat, öffentlich, gemeinnützig und -lokalisation (Städtisch, ländlich), 
  • zu soziodemografischen und beruflichen Merkmale der Teilnehmenden wie Alter, Ausbildung und Berufserfahrung,
  • zur Häufigkeit von nicht oder verspätet durchgeführten Pflegetätigkeiten und dafür ausschlaggebende Faktoren und
  • zur Arbeitssituation (z.B. Anzahl betreute Patient_innen/Dienst) und Arbeitszufriedenheit (z.B. wie oft wird über einen Berufswechsel nachgedacht)
erhoben. Erhebungszeitraum war Mai und Juni 2021, die Stichprobe kann als repräsentativ für Österreich angesehen werden. 
 
Implizite Rationierung von Pflegetätigkeiten: missed nursing care
Notwendige pflegerische Tätigkeiten wurden in unterschiedlich starkem Ausmaß weggelassen oder mit einer für die Patient_innen nachteiligen Verzögerung durchgeführt. Pflegerische Interventionen zur emotionalen Unterstützung sind davon besonders stark betroffen: in mehr als 2/3 der Fälle werden diese nicht oder erst zu spät durchgeführt. Oft genannte Gründe hierfür sind: das Erledigen mehrerer Tätigkeiten gleichzeitig, ein häufiges Unterbrochen-Werden, die Zunahme pflegebedürftiger Patient_innen sowie Personalmangel – aber auch die Erschöpfung des Pflegepersonals, eine unzureichende Unterstützung durch die direkten Vorgesetzten oder Spannungen und Kommunikationsschwierigkeiten in den Teams wurden in diesem Zusammenhang als Grund für missed nursing care identifiziert.
Missed nursing care entgegenzuwirken liegt nicht nur im Sinne der Patient_innen zur Vermeidung von Komplikationen, sondern unterstreicht auch die Notwendigkeit, Personalausfälle durch die Verbesserung der Rahmenbedingungen und der Arbeitsplatzkulturen in der Praxis zu minimieren und einem frühzeitigen Berufsausstieg entgegenzuwirken.
 
Missed nursing care fördert Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz
Fast ¾ der befragten Pflegepersonen gaben an, darüber nachzudenken den Pflegeberuf zu verlassen. Ein geringeres Alter, das Leisten von Überstunden, die Zufriedenheit mit dem Pflegeberuf im Allgemeinen und der Grad von „missed nursing care“ sind relevante Einflussfaktoren. Die Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz stieg, je häufiger es zu nicht oder zu spät durchgeführten notwendigen Pflegeleistungen kam.
 
Angemessenheit der Personalbesetzung
Personalmangel und die Notwendigkeit, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig durchzuführen, bedingen unter anderem missed nursing care.  Um abschätzen zu können, was notwendig ist, um die Pflegequalität auf Allgemeinstation österreichischer Krankenhäuser zu heben und zufriedenstellende Arbeitsbedingung mit bewältigbaren Arbeitspensen zu schaffen, erhoben die Wissenschaftlerinnen im Rahmen von MISSCARE Austria die von einer Pflegeperson zu betreuenden Patient_innen pro Dienst. Mit 18,4 Patient_innen pro Pflegeperson und Dienst weist Österreich verglichen mit Daten aus früheren Studien eine hohe Zahl im europäischen Vergleich auf. Dementsprechend geben 2/3 der befragten Pflegepersonen an, dass in den letzten 3 Monaten die Besetzung des Pflegepersonals selten oder nie angemessen war. 
 
Zustandsanalyse als Basis für Forschung und Intervention
Das Weglassen oder zu spät Durchführen von notwendigen pflegerischen Tätigkeiten steht in einem klaren, statistisch signifikanten Zusammenhang mit einer angemessenen Personalbesetzung, wie die Daten der MISSCARE Austria Studie belegen. Die deskriptive Querschnittsuntersuchung zeigt als positiven Aspekt potentiell veränderbare Einflussfaktoren im Bereich von Missed nursing care und damit zusammenhängenden Faktoren auf und beschreibt ein Tool zur Diagnostik von möglich mangelhaften Kernelemente der Pflegequalität in spezifischen Settings in Österreich. Klar ist, dass es weitere Bemühung, sowohl in das Praxis als auch in der Forschung braucht, um zu einem „qualitativ adäquaten Pflegepersonaleinsatz“ zu kommen.  Die theoretische Auseinandersetzung gilt als Basis für eine weitere ausführliche Auseinandersetzung mit dem Ziel einer hochwertigen Gesundheits- und Pflegeversorgung. Die Studienbeschreibung und -ergebnisse sind dank der Open Access Finanzierung durch die Karl Landsteiner Privatuniversität frei zugänglich im Journal HeilberufeScience im Springer Verlag erschienen.
 
Originalpublikationen
  • Einführende Überlegungen: Missed Nursing Care aus der internationalen und österreichischen Perspektive. doi: 10.1007/s16024-022-00391-1 
  • Häufigkeit von Missed Nursing Care und assoziierten Einflussfaktoren auf Allgemeinstationen in österreichischen Krankenhäusern. doi: 10.1007/s16024-022-00387-x 
  • Patient-to-Nurse Ratio, Angemessenheit der Pflegepersonalbesetzung und deren Einfluss auf Missed Nursing Care – eine quantitative Datenexploration auf Allgemeinstationen in österreichischen Krankenhäusern. doi: 10.1007/s16024-022-00389-9
  • Missed Nursing Care auf Allgemeinstationen in österreichischen Krankenhäusern: Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit und auf die Absicht, den Beruf zu verlassen. doi: 10.1007/s16024-022-00390-2
  • Zusammenfassende Implikationen und weiterführende Überlegungen. doi: 10.1007/s16024-022-00391-1

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