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Die vielen Facetten des digitalen Wandels in der Kranken- und Altenpflege

Mittwoch, 17 August, 2022 - 08:00

International & interdisziplinär: Konferenz zum digitalen Wandel in der Pflege präsentiert Ergebnisse. KL Krems Mitherausgeber.

Digitale Transformation

Die Pflege wird in raschem Tempo digitalisiert, doch viele ethische Fragen dazu bleiben noch offen. Erste Antworten liefert ein internationales Symposium, an dem Expertinnen und Experten sich fächer- und sektorenübergreifend austauschten. Die aktuell publizierten Ergebnisse befassen sich mit historischen und ethischen Aspekten der Digitalisierung in der Pflege genauso wie mit dem Impakt auf die Ausbildung. Dabei werden besonders die Bereiche stationäre Pflege, Assistenzsysteme und Robotik näher betrachtet. Koordiniert wurde das Symposium und die anschließende Herausgabe des Ergebnisbandes von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Die Digitalisierung der Pflege reicht von digitaler Dokumentation über Smart Homes bis hin zu sozial handelnden Robotern. Sie verändert – getrieben von technologischen Innovationen und demografischen Entwicklungen – zunehmend das pflegerische Handeln; ein Handeln, das bislang stark von zwischenmenschlicher Beziehungsarbeit geprägt war. Die sich ergebenden ethischen Herausforderungen sind komplex und vielfältig. Ihr Meistern bedarf des Know-hows aus diversen Bereichen wie Pflegewissenschaften, Medizinischer Informatik, Ingenieurwissenschaften, Medizin, IT sowie den Sozial- und Geisteswissenschaften. Erstmalig im deutschsprachigen Raum schaffte ein von der Volkswagen-Stiftung unterstütztes Symposium die Möglichkeit für einen Austausch dieser Disziplinen.

Personenzentrierte Pflege
„Digitalisierung wird als wichtiges Instrument für eine personenzentrierte Pflege gesehen“, meint Prof. Giovanni Rubeis, Leiter des Fachbereichs Biomedizinische Ethik und Ethik des Gesundheitswesens der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften (KL Krems) und Mitherausgeber des Symposiumsbandes. „Diese Technologisierung verändert die Pflege ganz grundlegend und beim Symposium erörterten wir die ethischen Aspekte aus verschiedenen Perspektiven.“ So zeigte ein Blick in die Geschichte, dass es bereits im Zuge der früheren Einführung von technischen Assistenzsystemen – wie z.B. Monitoren – Parallelen zu der aktuellen, kritischen Haltung gegenüber der Einführung von Künstlicher Intelligenz gab. Gleichzeitig stärk(t)en solche Systeme damals wie heute die pflegerische Kompetenz und werten sie somit im medizinischen Fachbetrieb auf. 

Aber auch die Verengung des Pflegebegriffs durch immer umfassendere digitale Dokumentationen erörtern die Expertinnen und Experten im Symposiumsband. Dabei wird nicht in Abrede gestellt, dass die digitale Dokumentation die Pflegequalität verbessert und die Pflegenden rechtlich absichern könnte. Dazu werden auch erste praktische Erfahrungen mit dem Einsatz von Webplattformen und Apps diskutiert, wobei der Akzeptanz solcher Tools durch die Pflegekräfte besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Arbeitserleichterung & Pflegeunterstützung
Ein besonders spannender Aspekt des Symposiums war die Frage, ob die Digitalisierung zu sehr unter dem Aspekt der Arbeitserleichterung und zu wenig unter dem der Pflegeunterstützung betrachtet wird. In jedem Fall, da ist man sich einig, muss digitale Professionalität dringend fixer Bestandteil der Hochschulausbildung werden. Nicht zuletzt, weil junge Studierende enormes Interesse an dieser Ausbildung zeigen. In diesem Kontext wurde auch der Einsatz so genannter Serious Games (Infotainment-Games) diskutiert. 

Ethische Herausforderungen sehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch durch den Einsatz von Assistenzsystemen im Alter; insbesondere durch Systeme, die spezielle Aktivitäten älterer Personen (Bewegung, Stürze, Schlaf etc.) erfassen sollen. Hier muss sichergestellt werden, dass diese Systeme individuelle Verhaltensmuster einzelner Personen akzeptieren und nicht zu disziplinierenden Verhaltensnormen führen. Die Selbstbestimmung älterer Personen sei zu wahren, so der Konsensus.

Roboter werden ebenso kritisch-konstruktiv diskutiert. Diese sind im Pflegebereich keine simplen Werkzeuge mehr, sondern komplexe technische Gegenüber, die in soziale Beziehungen zum Pflegebedürftigen treten. Dabei werden Scheinelemente wie menschenähnliches Aussehen oder Sprechen verwendet. Dadurch ergeben sich Fragen über den sozialen wie normativen Status, der diesen Erscheinungsformen zuerkannt werden soll. 

Mit Herausgabe des Tagungsbandes liegt im deutschsprachigen Raum erstmals ein multi-perspektivischer Diskurs über die mannigfachen ethischen Herausforderungen der Pflege-Digitalisierung vor. Die Unterstützung der KL Krems für den Tagungsband unterstreicht deren Engagement für interdisziplinäre Felder mit hoher gesundheitspolitischer Relevanz. 

Originalpublikation:
Rubeis G, Hartman K, Primc N (2022) Digitalisierung der Pflege. Interdisziplinäre Perspektiven auf digitale Transformationen in der pflegerischen Praxis. V&R unipress, Göttingen.https://www.vr-elibrary.de/doi/book/10.14220/9783737014793

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