Wann ist Strahlentherapie am Lebensende noch sinnvoll?
Strahlentherapie spielt in der Behandlung fortgeschrittener Krebserkrankungen eine wichtige Rolle, auch zur Linderung belastender Symptome wie Schmerzen, Atemnot oder neurologischer Einschränkungen. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt für eine palliative Radiotherapie – und wann ist sie für Patient:innen zu belastend oder nicht mehr sinnvoll? Ein Forschungsteam rund um Erstautor Dr. Nguyen-Son Le, Assistenzarzt an der Klinischen Abteilung für Innere Medizin 2 am Universitätsklinikum Krems, einem Lehr- und Forschungsstandort der KL, hat genau diese Frage untersucht. Die retrospektive Studie wurde kürzlich im renommierten Fachjournal JCO Global Oncology veröffentlicht und analysierte Daten von 684 verstorbenen Krebspatient:innen, die zwischen 2017 und 2021 behandelt wurden.
Die palliative Strahlentherapie (RT) am Lebensende (EOL) bei fortgeschrittener Tumorerkrankung ist umstritten. Obwohl die EOL-RT krebsbedingte Symptome lindern kann, tritt dies in der Regel erst Wochen bis Monate nach der Behandlung ein, was die Lebensqualität der Patient:innen in der letzten Lebensphase beeinträchtigen kann. Ziel dieser Studie war es, die Faktoren zu bewerten, die den Entscheidungsprozess im Hinblick auf den Einsatz der EOL-RT beeinflussen. Unter der Leitung von Priv.-Doz.in Dr.in Gudrun Kreye, MBA Leiterin der Arbeitsgruppe für Tumortherapie am Lebensende, wurde insbesondere die Anwendung palliativer Radiotherapie in den letzten 30 Lebenstagen – also am Lebensende – kritisch beleuchtet. Die Studie wurde in Kooperation mit der Abteilung für Radioonkologie und Strahlentherapie gemeinsam mit Frau Primaria Priv.-Doz.in Dr.in Petra Georg, MBA durchgeführt.
Vier zentrale Schlussfolgerungen
Insgesamt konnten vier zentrale Ergebnisse bzw. Informationen aus der Studie gewonnen werden. Erstens zeigte die Studie, dass 36 % der bestrahlten Patient:innen eine palliative Radiotherapie in den letzten 30 Tagen vor dem Tod erhielten. Die zweite Erkenntnis: Strahlentherapie am Lebensende wurde häufiger bei jüngeren Patient:innen (unter 65 Jahren), bei Patient:innen mit Lungenkrebs oder Tumorstadium IV sowie bei schlechtem Allgemeinzustand (ECOG ≥2) verabreicht. „Wir konnten drittens feststellen, dass die Behandlung häufiger an mehreren Körperstellen und mit wenigen Sitzungen (≤5 Fraktionen) durchgeführt wurde. Viertens zeigte sich, dass die palliative Strahlentherapie in der Endphase des Lebens eine begrenzte Wirksamkeit aufwies: Die symptomatische Linderung war oftmals unzureichend, und es bestand ein erhöhtes Risiko für einen vorzeitigen Abbruch der Behandlung“, so Priv.-Doz.in Dr.in Gudrun Kreye.
Was bedeuten diese Ergebnisse?
„Unsere Studie zeigt, dass die Entscheidung für oder gegen eine palliative Strahlentherapie am Lebensende sehr sorgfältig getroffen werden muss", erklärt Dr. Le, Erstautor der Studie „Nicht jeder Mensch profitiert von einer solchen Therapie in der letzten Lebensphase – zu groß ist das Risiko, dass die Belastung den Nutzen überwiegt." Priv.-Doz.in Dr.in Kreye ergänzt: „Wir brauchen dringend bessere prognostische Werkzeuge, um einzuschätzen, welche Patient:innen noch von einer Strahlentherapie profitieren und wann andere palliative Maßnahmen sinnvoller sind. Ziel ist eine individualisierte, lebensqualitätsorientierte Versorgung." Die Erkenntnisse dieser Studie liefern daher einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über angemessene Therapieentscheidungen am Lebensende und unterstreichen die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen Onkologie, Palliativmedizin und Strahlentherapie. Demzufolge seien Prognosestudien erforderlich, um validierte Scores zur Abschätzung der Lebenserwartung bei Patient:innen mit fortgeschrittenem Tumor zu entwickeln und anschließend die Vorteile der PRT in der Nähe des EOL zu bewerten. „In der Zwischenzeit sollten die genannten Faktoren in einem personalisierten Entscheidungsprozess berücksichtigt werden, um vergebliche EOL-Behandlungen zu minimieren“, fasst Priv.-Doz.in Dr.in Gudrun Kreye zusammen.
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