Univ.-Prof. Dr. Piero Fossati MD, Radioonkologe
Die Vorteile der Kohlenstoffionentherapie für alle Patient:innen zugänglich machen.
Seit Oktober 2022 leitet Univ.-Prof. Dr. Piero Fossati MD den Fachbereich Radioonkologie unter besonderer Berücksichtigung der Partikeltherapie an der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL). Gleichzeitig fungiert er als wissenschaftlicher Direktor bei MedAustron, einem Lehr- und Forschungsstandort der KL. MedAustron ist eines von weltweit nur wenigen Zentren, die hochspezialisierte Krebsbehandlung mit Forschung und Lehre verbinden. Als Radioonkologe beschäftigt sich Fossati mit hochpräzisen, innovativen Formen der Strahlentherapie, allen voran der Kohlenstoffionentherapie. Sein Ziel ist es, diese Therapie aus der Nische zu holen und für möglichst viele Patient:innen zugänglich zu machen.
Seinen akademischen Weg begann Fossati in seinem Heimatland Italien. 1997 absolvierte er das Masterstudium Biomedical Engineering an der Universität Rom. Aufbauend darauf entschied er sich für ein Medizinstudium an derselben Universität und setzte seine Ausbildung mit einer Spezialisierung in Radiotherapie an der Universität Mailand fort. Prägende Erfahrungen sammelte Fossati während seiner klinischen Fellowships am National Institute of Radiological Sciences (NRIS) in Japan, wo er mit der damals noch wenig verbreiteten Kohlenstoffionentherapie erstmalig gearbeitet hat. Nach einer Doppelrolle als Wissenschaftler an der Universität Mailand und Onkologe für Strahlentherapie am CNAO in Italien, zog es ihn schließlich nach Österreich an das Krebsbehandlungs- und Forschungszentrum MedAustron. Seit 2017 ist Fossati dort als Facharzt für Radioonkologie, wissenschaftlicher Direktor und Leiter des Kohlenstoffprogramms tätig und trägt wesentlich zur Weiterentwicklung des Standorts in Wiener Neustadt bei.
Nach der Ankunft bei MedAustron lag ein zentraler Fokus von Fossatis Arbeit darauf, die klinische Bedeutung der Kohlenstoffionentherapie zu belegen. „Wir müssen zeigen, dass die Ergebnisse reproduzierbar sind – nicht nur in Japan, sondern auch in Europa“, betont der Radioonkologe. Ziel ist es, diese frühen Ergebnisse aus Japan unter europäischen Bedingungen zu bestätigen und in prospektiven Studien weiterzuentwickeln. Dabei geht es nicht nur um die Wirksamkeit, sondern auch um die Anwendung der Therapie. „Bei Kohlenstoffionen reicht es nicht, nur die Dosis zu definieren, man muss auch die biologische Wirkung berücksichtigen“, erklärt Fossati. Unterschiedliche Modelle zur relativen biologischen Wirksamkeit (RBE) erschwerten lange die internationale Vergleichbarkeit. RBE beschreibt, vereinfacht gesagt, wie stark die Strahlung tatsächlich auf das Tumorgewebe wirkt, also nicht nur, wie viel Energie abgegeben wird, sondern welche biologische Wirkung sie in den Zellen verursacht. Die Harmonisierung verschiedener Ansätze aus Japan und Europa zu dieser Frage ist ein zentraler Bestandteil seiner Arbeit und bildet die Grundlage für weiterführende klinische Studien und Kooperationen.
Heute richtet sich der Blick zunehmend auf neue Anwendungsfelder, vor allem für Patient:innen, bei denen herkömmliche Therapien an ihre Grenzen stoßen. „Wir haben weltweit etwa 30.000 Patient:innen mit Kohlenstoffionen behandelt – das ist noch sehr wenig. Wir konnten bei weitem noch nicht alles ausprobieren, was möglich wäre“, sagt Fossati. Gemeinsam mit internationalen Partnern wie der Mayo Clinic Florida begleitet sein Team Patient:innen während der Behandlung, um besser zu verstehen, wie Tumoren individuell auf die Therapie reagieren. Ziel ist es, die Behandlung künftig durch individuelle Anpassung gezielter zu gestalten.
Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Zusammenarbeit mit der KL im Rahmen des Projekts ACCESS POINT Oncology (APOG NÖ). Hier ist Fossati als Co-Principal Investigator beteiligt und arbeitet am Aufbau translationaler Forschungsstrukturen in Niederösterreich. Es geht darum, Erkenntnisse aus dem Labor schneller in konkrete Anwendungen für Patient:innen zu bringen. Ziel ist es, klinische Daten und biologische Proben systematisch zusammenzuführen, um besser zu verstehen, wie Tumoren entstehen, fortschreiten und auf Therapien reagieren. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Therapieresistenzen, also der Frage, warum Behandlungen bei manchen Patient:innen nicht wirken und wie sich daraus neue Diagnose- und Therapieansätze entwickeln lassen.
Gleichzeitig untersucht Fossati, wie sich Tumoren bereits früh während der Therapie verändern und wie diese Prozesse mit dem Immunsystem zusammenspielen: „Nach der ersten Bestrahlung passiert etwas im Tumor – wir verstehen noch nicht genau was, aber es scheint ihn angreifbarer zu machen“, beschreibt er. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass Kohlenstoffionen Krebszellen auf eine Weise zerstören, die eine stärkere Reaktion des Immunsystems auslösen könnte. Diese Erkenntnis eröffnet einen Ansatz, der künftig genutzt werden soll, um Therapien besser aufeinander abzustimmen und ihre Wirkung gezielt zu verstärken.
Neben Forschung und Klinik ist die Lehre ein zentraler Bestandteil seiner Arbeit an der KL. Fossati unterrichtet Studierende der Humanmedizin und betreut regelmäßig Abschlussarbeiten. „Lehre war immer Teil meines Berufslebens und es bereitet mir Freude, meine Leidenschaft an potenzielle Nachwuchswissenschaftler:innen weiterzugeben“, sagt er. Sein Anspruch ist es, komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln und vor allem Interesse für das noch junge Forschungsfeld zu wecken.
Seine langfristige Vision bleibt klar: „Die Kohlenstoffionentherapie darf kein Nischenverfahren bleiben.“ Stattdessen soll sie Schritt für Schritt in eine breitere klinische Anwendung überführt werden auf Basis belastbarer Daten, internationaler Zusammenarbeit und gut ausgebildeter Nachwuchswissenschaftler:innen.