Freitag, 24. Juli 2026

Neue Studie zeigt: Social-Media-Kurzvideos verändern das Zeitempfinden – mit überraschender Verzögerung

Videos in Endlosschleife – etwa TikTok-Videos oder Instagram Reels – gehören heute zu den meistgenutzten digitalen Unterhaltungsformaten. Milliarden Menschen konsumieren täglich kurze, algorithmisch kuratierte Videoinhalte. Während mögliche Auswirkungen auf psychische Gesundheit und Aufmerksamkeit bereits mehrfach untersucht wurden, ist bislang wenig darüber bekannt, wie diese Form der Mediennutzung das subjektive Zeitempfinden beeinflusst. Genau dieser Fragestellung widmete sich eine aktuelle Studie mit 151 Teilnehmenden, die Angelique Siebenhandl im Rahmen ihrer Bachelorarbeit im Fachbereich Psychologische Methodenlehre an der Karl Landsteiner Privatuniversität mit Kolleg:innen durchgeführt hat.

Die Forschenden nutzen ein 14-tägiges Experience-Sampling-Design, bei dem die Teilnehmenden ihre eigenen Smartphones verwendeten. Dadurch konnten Messungen unter realen Alltagsbedingungen durchgeführt werden, ohne das natürliche Nutzungsverhalten oder die Wirkung der Empfehlungsalgorithmen zu verändern. Neben einer neu entwickelten digitalen Aufgabe zur Zeitschätzung wurden auch die Stimmung (Valenz), das Erregungsniveau sowie situative Einflussfaktoren wie Ablenkung erfasst. Zusätzliche Messungen 15 und 30 Minuten nach dem Videokonsum dienten dazu zu untersuchen, wie lange mögliche Effekte anhalten. 

Verzögerte Veränderung der Zeitwahrnehmung
Das zentrale Ergebnis der Untersuchung überrascht: Unmittelbar nach dem Ansehen der Kurzvideos zeigte sich im Vergleich zur Referenzmessung keine Veränderung der subjektiven Zeitwahrnehmung. Erst 15 beziehungsweise 30 Minuten später unterschätzten die Teilnehmenden systematisch die verstrichene Zeit. Damit weist die Studie erstmals auf einen verzögerten Effekt des Videokonsums auf das Zeitempfinden hin, schildert Angelique Siebenhandl: „Wir vermuten, dass dieser Effekt auf kognitive Nachverarbeitungsprozesse oder die Erholung aus sogenannten Flow-Zuständen zurückzuführen sein könnte. Während des intensiven Konsums von Kurzvideos könnte das Gehirn Informationen anders verarbeiten, wodurch sich die Wahrnehmung von Zeit erst im Anschluss verändert. Diese Erklärungsansätze müssen jedoch in weiteren Studien überprüft werden.“

Im Gegensatz zur Zeitwahrnehmung zeigten sich bei den emotionalen Variablen kaum nachhaltige Veränderungen. Zwar traten unmittelbar nach dem Anschauen der Videos kurzfristige Veränderungen in Valenz und Erregung auf, diese verschwanden jedoch rasch, so die Forscherin. „Die Ergebnisse sprechen daher dagegen, dass Kurzvideos langfristig zu einer verbesserten Stimmung führen. Vielmehr standen emotionale Veränderungen stärker mit situativen Ablenkungen als mit dem Videokonsum selbst in Zusammenhang.“

Aussagekraft und Grenzen
Die Studie zeichnet sich durch ihre hohe ökologische Validität aus, da sämtliche Messungen im Alltag der Teilnehmenden stattfanden. Gleichzeitig weisen die Autor:innen auch auf Einschränkungen hin: Die Stichprobe bestand überwiegend aus jungen, hochgebildeten, deutschsprachigen Frauen und bildet daher die Nutzerschaft sozialer Medien nur eingeschränkt ab. Zudem konnten Unterschiede zwischen einzelnen Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube nicht gesondert analysiert werden.

Bedeutung für die Forschung
Die Ergebnisse der Untersuchung liefern Hinweise darauf, dass der Konsum von Kurzvideos in Endlosschleife die subjektive Zeitwahrnehmung beeinflussen kann – allerdings zeitversetzt und unabhängig von der Stimmung oder situativen Ablenkungen. „Angesichts der enormen Verbreitung von Kurzvideoformaten könnte selbst der beobachtete kleine bis mittlere Effekt gesellschaftlich relevant sein, da er das alltägliche Zeitgefühl und möglicherweise auch das Mediennutzungsverhalten vieler Menschen beeinflusst. Wir sehen deshalb erheblichen Bedarf für weiterführende Untersuchungen, insbesondere zu plattformspezifischen Unterschieden, längeren Beobachtungszeiträumen und objektiven Messungen der Bildschirmzeit“, empfiehlt Angelique Siebenhandl.

 

Originalpublikation:

„The Association Between Excessively Watching Videos in Endless Loop on  Social Media and Subjective Time Perception: An Experience Sampling  Method Study - Karl Landsteiner Privatuniversität [1]"
DOI-Link: https://doi.org/10.1177/21522715261451013