Montag, 11. Mai 2026

Künstliche Intelligenz und Pflege verbinden? Einblicke in KI-Technologien für die Langzeitpflege

Künstliche Intelligenz (KI) wird häufig als Lösung für Herausforderungen in der Langzeitpflege dargestellt, wirft jedoch sowohl ethische als auch praktische Probleme auf. Ein Buchbeitrag von Expert:innen des Kompetenzzentrums Gerontologie und Gesundheitsforschung an der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL Krems) beleuchtet das Zusammenspiel von Alter und KI kritisch und zeigt, wie KI-Anwendungen in der Pflege eingesetzt werden. 

Auf Basis von Interviews mit Bewohner:innen, Pflegekräften und Entwickler:innen werden drei Systeme untersucht: ein Sturzsensor, der Sozialroboter Pepper und die Roboterrobbe Paro. Die Ergebnisse weisen auf drei zentrale Ansätze hin: die Notwendigkeit der Einbindung älterer Menschen in Entwicklung und Einsatz von KI, die Berücksichtigung menschlicher und technischer Schwächen gleichermaßen und die Förderung sinnvoller Interaktionen zwischen Menschen und KI.

Ältere Erwachsene im Pflegesetting setzen sich aktiv mit KI-Technologien in ihrem Umfeld auseinander und möchten als Nutzer:innen dieser Entwicklungen eingebunden werden. Diese Erkenntnis wird in einem aktuellen Buchbeitrag beschrieben, erläutert Katrin Lehner, BA, MA, korrespondierende Autorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum für Gerontologie und Gesundheitsforschung an der KL Krems : „Aufbauend auf das vorangegangene Projekt ALGOCARE („Algorithmic Governance of Care“) beleuchten wir hier durchaus kritisch das Zusammenspiel von Alter und Künstlicher Intelligenz (KI). Dafür wurden drei unterschiedliche KI-Anwendungen im Pflegealltag untersucht.“

Der Einsatz von Sturzsensoren verdeutlicht, dass ältere Bewohner:innen von Pflege- und Betreuungszentren keine passiven Nutzer:innen oder bloß „überwachte Subjekte“ sind. Vielmehr interagieren sie aktiv mit der Technologie – ein Aspekt, der in Pflegepraxis und Technologieentwicklung häufig übersehen wird. So passen sie beispielsweise ihre täglichen Routinen an oder setzen sich bewusst mit der Technologie auseinander, um diese besser zu verstehen. Das Beispiel des Roboters Pepper wiederum zeigt, dass dessen Einsatz stark vom Unterhaltungsaspekt geprägt ist, erzählt die Autorin: „Diese Technologie basiert jedoch häufig auf Annahmen über Bedürfnisse, Kompetenzen und Präferenzen älterer Menschen, anstatt auf deren tatsächlicher Mitbestimmung. Die Gestaltung des Angebots erfolgt somit nicht von, sondern für die Bewohner:innen. Zwar fühlten sich einige unterhalten, jedoch ergab sich kein erkennbarer Mehrwert für das Pflegepersonal, insbesondere keine Reduktion der Arbeitsbelastung, da weiterhin Betreuung und Begleitung beim Einsatz der KI erforderlich waren.“ Der Roboter Paro – ein robbenförmiger sozialer Roboter – stellt ein gelungenes Beispiel dafür dar, wie KI und Pflege erfolgreich miteinander verbunden werden können („Bridging“). „Paro konnte besser in alltägliche Routinen integriert werden, etwa im Rahmen biografischer Arbeit, indem er Erinnerungen und Erzählungen der Bewohner:innen anregte. Zudem zeigte sich, dass es gut funktioniert, wenn älteren Erwachsenen erklärt wird, wie die Technologie arbeitet. Dadurch können Wissen über KI sowie digitale Kompetenzen gezielt gestärkt werden“, so Katrin Lehner.

Drei zentrale Aspekte für Entwicklung und Praxis

Erstens, so die Schlussfolgerungen aus den Untersuchungen, ist die Einbindung älterer Erwachsener sowie von Pflegekräften in die Entwicklung und Implementierung von KI essenziell. „Pflege ist ein hochkomplexes System, während Entwickler:innen häufig wenig Berührungspunkte mit Alter und Pflege haben. Dadurch besteht die Gefahr, dass negative oder unvollständige Altersbilder in Technologien eingeschrieben und stereotype Vorstellungen vom passiven, uninteressierten alten Menschen weiter verfestigt werden“, schildert die Expertin.

Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Notwendigkeit, menschliche und technologische Vulnerabilität gemeinsam zu betrachten („Bridging human and technological vulnerability“). Während KI häufig als unterstützend und anpassungsfähig gilt und ältere Erwachsene als passiv und schutzbedürftig wahrgenommen werden, zeigt sich in der Praxis, dass auch Technologien Pflege benötigen. Wartung, Betreuung und Hygienemaßnahmen – sogenannte unsichtbare AI-Care-Praktiken – sind erforderlich, damit KI in realen Pflegekontexten überhaupt funktionieren kann.

Drittens geht es um die Förderung bedeutungsvoller Verbindungen („Fostering meaningful connections“), so Lehner: „Ältere Menschen sollten nicht als technikfern oder desinteressiert betrachtet werden, sondern als aktive Akteur:innen in Entwicklungs- und Implementierungsprozessen. Dabei ist es entscheidend, die Vielfalt von Alterserfahrungen zu berücksichtigen, da Altern ein heterogener Prozess ist. Ebenso wichtig sind gegenseitige Lernprozesse zwischen Bewohner:innen, Pflegekräften und Entwickler:innen. Partizipative Ansätze spielen hierbei eine Schlüsselrolle, um die Kluft zwischen Technologie und Pflege zu verringern und eine inklusivere sowie ethisch verantwortungsvollere Praxis zu ermöglichen".

 

Link zum Buch inkl. Infos: https://link-springer-com.uaccess.univie.ac.at/book/10.1007/978-3-032-11938-4

KRIS-Link: Bridging Artificial Intelligence and Care—Smart Assistive Technologies for Long-Term Care - Karl Landsteiner Privatuniversität

Link zum Projekt ALGOCARE „Algorithmic governance of care": https://www.wwtf.at/funding/programmes/ict/ICT20-055/