Johannes Streicher, Anatom
Praxisnaher und forschungsorientierter Anatomieunterricht
Seit November 2015 leitet Univ.-Prof. Dr. Johannes Streicher den Fachbereich für Anatomie und Entwicklungsbiologie an der Karl Landsteiner Privatuniversität. Als erster berufener Professor an der KL, prägte er den Aufbau des Fachbereichs entscheidend und ist eine zentrale Persönlichkeit in der Ausbildung angehender Medizinerinnen und Mediziner. In seiner Funktion arbeitet er eng mit dem Universitätsklinikum St. Pölten, einem Lehr- und Forschungsstandort der KL, zusammen, gestaltet die klinisch-anatomische Forschung aktiv mit und leitet als Professor für Anatomie den Sezierunterricht für die Studierenden der KL.
Johannes Streicher studierte Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. Seine Dissertation "Experimentelle und Kongenitale Fibula-Aplasie" wurde mit dem Dissertationspreis der Medizinischen Fakultät ausgezeichnet. Seine Forschungstätigkeit am Institut für Anatomie fokussierte die Wechselwirkungen zwischen Ontogenese und Phylogenese in der Morphologie. Das erste ERASMUS-Studierenden-Austauschprogramm der Medizinischen Fakultät initiierte er 1993 und blieb über 10 Jahre ERASMUS -und ECTS-Koordinator der Medizinischen Fakultät, (später Medizinische Universität Wien, MUW). Auf die Facharztausbildung in Anatomie folgte 2001 die Doppel-Habilitation für die Fächer Anatomie und Embryologie. Zur Implementierung des innovativen Medizin Curriculums Wien (MCW) an der MUW trug er als Mitglied der Curriculumdirektion von 2003 bis 2007 bei. Nach leitenden Funktionen an der Abteilung für Systematische Anatomie der MUW wurde er 2015 auf den Lehrstuhl für Anatomie und Entwicklungsbiologie an der KL berufen. Dort etablierte Streicher ein Lehr- und Forschungskonzept, das Studierende frühzeitig in fächerintegrierte, klinikorientierte Anatomieeinheiten einbindet. Besonderer Fokus liegt auf dem Sezierkurs, bei dem Studierende in Kleingruppen über das ganze 3. Studienjahr eine menschliche Körperspende in der Pathologie des KL-Universitätsklinikums St. Pölten, präparieren. Diese direkte Arbeit am menschlichen Körper vermittelt nicht nur ein tiefes Verständnis der Anatomie, sondern schult auch die Fähigkeit, wissenschaftliche Präzision mit emotionaler Sensibilität zu verbinden. „Nur am realen menschlichen Körper, mit all seinen individuellen Eigenheiten, kann ein echtes dreidimensionales Verständnis der Anatomie entstehen“, erklärt Prof. Streicher.
Unter seiner Leitung werden klassische Präparationsmethoden mit modernen digitalen und didaktischen Ansätzen kombiniert, darunter 3D-Visualisierung, Sonographie-Training als Teil des Sezierkurses, Peer-to-peer teaching und 2 tablet-basierte Topographie-Prüfungen (t-OSCANA 1 & 2). Ein zentrales Anliegen Streichers ist die Ausbildung angehender Ärztinnen und Ärzte zu einer Balance zwischen empathischem Patient:innenumgang und sachlich-professionellem Handeln. „Während meine Patientin oder mein Patient in der Ordination stehen, treten sie als Subjekt auf. Im OP werden sie zum Objekt, und ich muss in der Lage sein, emotionsbefreit und höchst professionell zu handeln.“ Dieses Spannungsfeld zwischen Subjektivität und Objektivität ist ein Kernbestandteil seines Lehrkonzepts und prägt die medizinische Ausbildung an der KL nachhaltig.
Forschung und Lehre sind für den Anatomen eng miteinander verknüpft, wobei Prof. Streicher interdisziplinäre Synergien, mit den Universitätsklinikum in St. Pölten und dem KL Fachbereich Biomechanik nützt. Es kommen hochauflösende klinische Bildgebung wie fetal-MRT aber auch Mikro-CT und 3D-Druck zum Einsatz, um Modelle von räumlich komplexen Strukturen und Topographien für Forschung und Lehre zu erstellen. „Mit 3D-gedruckten Modellen können wir komplexe Eingriffe planen und trainieren, ohne Patientinnen und Patienten zu belasten. Das ist ein enormer Fortschritt für Ausbildung und klinische Praxis“, betont er.
Von klinischen Fragestellungen aus der Traumatologie, Viszeralchirurgie, HNO, Gynäkologie und Neurochirurgie ausgehend, führen KL-Studierende im Rahmen von Masterarbeiten interdisziplinär betreute Studien an Körperspenden durch. Diese Arbeiten liefern wertvolle, klinisch relevante neue Erkenntnisse.
Zusätzlich zur studentischen Lehre engagiert sich Prof. Streicher im Kontext der KL-Academy für postgraduelle Aus- und Weiterbildungen sowohl für Medizinerinnen und Mediziner als auch für paramedizinische Berufsgruppen.
Als Absolvent eines Humanistischen Gymnasiums bereitet es ihm Freude, seine Latein- und Griechischkompetenz mit der Erläuterung medizinischer Fachausdrücke im Blended Learning Kurs "Medical Terminology" an der KL zu verbinden.
Mit seinem Engagement hat er die Anatomie an der KL nicht nur aufgebaut, sondern auch die Verbindung zwischen Anatomie, klinischer Forschung und praktischer Anwendung neu definiert.
Seit Oktober 2025 bekleidet Streicher zudem das Amt des Dekans der Medizinischen Fakultät der KL, die im Zuge struktureller Entwicklungen, neben der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und der Fakultät für Psychologie, an der KL etabliert wurde.