Immer noch gut geschütztes Wasserreich
Der Text erschien im Onlinemagazin Art & Science Krems, einem Kooperationsprojekt der KL.
Sauberes Wasser aus der Leitung ist in Österreich sehr selbstverständlich. Andreas Farnleitner, Leiter des Fachbereichs Wasserqualität und Gesundheit an der Karl Landsteiner Uni und Co-Leiter des ICC Water & Health, erklärt das Sicherheitsnetz hinter jedem Glas Trinkwasser.
Wir kennen es hierzulande nicht anders: „Das Trinkwasser in Österreich hat exzellente Qualität“, sagt Andreas Farnleitner, Fachbereichsleiter Wasserqualität und Gesundheit an der Karl Landsteiner Privatuniversität. Farnleitner kennt es schon anders, ist er doch als Wissenschaftler in verschiedenen Ländern der Welt tätig gewesen. Zu verdanken haben wir die vergleichsweise hohe Menge und Qualität des Wassers vor allem auch der Gunstlage an den Alpen. Unsere Trinkwasserressource ist das Grundwasser. Das „Wasserreich“ Österreich hat immer darauf gesetzt, Quellgebiete gut zu schützen und notwendige Aufbereitungsmaßnahmen zu minimieren. „Wir leben aber nicht auf einer Insel der Seligen – der Klimawandel zeigt auch in Österreich Auswirkungen. Vor allem im Osten gibt es regional beispielsweise weniger Wasser, aber die Wasserwirtschaft reagiert darauf, und Versorger schließen sich für eine bessere Verteilung zusammen.“ Als Lebensmittel unterliegt Trinkwasser den strikten Vorgaben und Grenzwerten der österreichischen Trinkwasserverordnung und wird durch unabhängige Stellen streng kontrolliert.
Farnleitner hält eine Doppelprofessur an Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften und TU Wien. Er und seine Kolleg*innen vom Interuniversitären Kooperationszentrum Wasser & Gesundheit (ICC Water & Health), dem auch die MedUni Wien angehört, sind in verschiedenen Gremien federführend vertreten, beispielsweise bei der International Water Association (IWA) oder als Gutachter bei der WHO. Das ICC Water & Health hat sich vor zwanzig Jahren „organisch entwickelt – ohne Auftrag – aus einer ersten Zusammenarbeit von mir mit Professorin Regina Sommer von der MedUni Wien. Das ist das Erfolgsrezept“, sagt Farnleitner, der Co-Leiter des Kooperationszentrums ist. Sonst müsste man es wohl schleunigst erfinden, denn hier wird international vernetzt geforscht, um Trinkwasser, Bewässerung, Badewasser, Beschneiung etc. nachhaltig absichern zu können.
Wachsende Herausforderungen
Beispielhaft sei die Forschungskooperation mit der Stadt Wien genannt, die bis 2029 vier große Gestaltungskräfte beleuchten will, um ihnen zu begegnen: Global Change, Technology Change, Analysis Change und Regulation Change. Global Change umfasst mehr als die Klimaerhitzung. Es geht z.B. auch um neue Erreger durch mehr Reisebewegungen oder mehr Abwässer durch wachsende Städte. Die Menge und Verteilung von Trinkwasser verändern sich bei zunehmender Erwärmung. Es gibt häufiger Extremwetterereignisse, die Trinkwasser gefährden können. Weniger Wasser kann etwaige Verschmutzungen weniger gut verdünnen. Ein ausgetrockneter (oder gar versiegelter Boden) verliert die Fähigkeit, Wasser aufzunehmen und zu halten. Er filtert weniger gut – Niederschlag rauscht durch oder fließt einfach ab.
Ein Molekül in einer Badewanne
Wie wirken sich Klimaerhitzung, Mikroplastik und persistente Chemikalien aktuell auf das Trinkwasser aus? „Die Quellschutzgebiete sind zumeist gut gewählt, um den menschlichen Einfluss zu minimieren. Spurenstoffe können heute sehr genau gemessen werden. Dass etwas im ‚Pikogramm-Bereich‘ nachweisbar ist, bedeutet nicht automatisch eine Gefährdung der Gesundheit. Relevante Substanzen müssen jedoch identifiziert und streng reguliert bzw. verboten werden. Wir müssen zudem die genaue toxikologische Relevanz vieler Substanzen erst weiter erforschen und belegen“, so Farnleitner. Hier greift der Analytic Change, wobei es letztlich darum geht, Messmethoden so zu wählen, dass sie stabil, kosteneffizient und vergleichbar in der Praxis angewendet werden können.
Der Regulation Change greift etwa in Form der „Water Safety Planning Strategie“ der WHO. Trinkwassersicherheit wird darin „from the catchment to the tap“, also ab dem Einzugsgebiet bis zum Wasserhahn entlang der gesamten „Produktionskette“ definiert. Diese muss geplant, geprüft und gemanagt werden. Zudem sind Vorgaben und Vorgehensweisen für Trinkwassergefahren festgelegt, wie z.B. Hochwasser: „Diese Planung ist nie abgeschlossen, der Prozess wird von Fachleuten schrittweise immer weiter verbessert“. Grundsätzlich gelten nun auch direkte und ambitionierte gesundheitsbezogene Ziele der WHO. Vereinfacht gesagt, darf sich beispielsweise maximal einer von 10.000 Menschen pro Jahr beim Wassertrinken eine fäkal-bürtige Infektion zuziehen. Wo die Trinkwasserqualität nicht ausreicht, ist gesetzlich eine Desinfektion bzw. Aufbereitung vorgeschrieben. Angesichts der fortschreitenden Erwärmung ist zudem zu beachten, dass Trinkwasser ein verderbliches Gut ist: „Eine gut gereifte Grundwasserressource hat ihr natürliches Wassermikrobiom. Je wärmer Wasser ist, desto geringer ist jedoch die sogenannte Biostabilität. Es können sich Geruch oder Aussehen verändern oder gar opportunistische Krankheitserreger überhandnehmen.“
Geteiltes Flusswasser
Von der jüngst durchgeführten Analyse-Befahrung der Donau durch Professor Alexander Kirschner von ICC Water & Health – von Ulm bis ans Schwarze Meer – weiß er zu berichten, dass sich in allen EU-Ländern die Wasserqualität verbessert hat. Wirklich bestürzend ist aber Farnleitners Bericht über die Situation in sogenannten Low Income Countries (LINC). Die UN hat bis 2030 Ziele für nachhaltige Entwicklung ausgerufen, und das SDG6 „Sauberes Wasser und Sanitärversorgung“ zielt auf die Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle. Diese beiden Bereiche sind in einem Ziel vereint, denn sie sind ohne einander nicht denkbar. „Dieses Ziel wird in stark betroffenen Regionen nicht erreicht werden – dafür hätte man sechs Mal mehr tun müssen. Ohne Abwasserentsorgung wird Trinkwasser kontaminiert, ohne sauberes Wasser zum Händewaschen sind fäkal-bürtige Krankheiten unvermeidbar“, so Farnleitner. In Zahlen: 2,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, das sind 28 Prozent der Weltbevölkerung. 3,4 Milliarden Menschen – also 43 Prozent haben keine Sanitärversorgung. 500 Millionen Menschen verrichten ihre Notdurft im Feld, und das führt mit dazu, dass zwei Milliarden Menschen an Wurminfektionen leiden.
Was wäre aus Sicht des Wasserexperten, der in Uganda, Tansania und Äthiopien gearbeitet hat, wichtig? „Es geht hier nicht um Hochtechnologie, sondern um zielorientierten Einsatz von Mitteln für die Infrastruktur und um Information v.a. Mütterschulung. Wir haben Technologie und Wissen – es geht um ein Grundbudget und konsequente Umsetzung. Je politisch instabiler das Land und je beengter die Wohnraum-Verhältnisse, etwa in Slums, desto schlechter ist die Wasserqualität im Regelfall.“
Das Element Wasser fasziniert Andreas Farnleitner seit Kindertagen. Der staatlich geprüfte Bergführer ist im Wechsel-Semmering-Rax Gebiet aufgewachsen, war früher ein begeisterter Eiskletterer und Höhlenforscher – heute ist er mit seinem Team am Universitätsklinikum St Pölten (Team Primaria Barbara Ströbele) in die umfassende Hygiene- und Mikrobiologie-Ausbildung der Student*nnen eingebunden: „Ich habe im Studium alle Weichen gestellt, um beim Thema Wasserqualität etwas bewegen zu können. Ich finde es motivierend und faszinierend helfen und gestalten zu können – das ist nicht selbstverständlich.“
Text: Astrid Kuffner
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